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Vielerorts zuhause - wie Jakob aus "Des Kaisers neue Kleider"

KULTURHUS BERLIN im Gespräch mit dem Regisseur Hannu Salonen (FI/DE)

Hannu Salonen ist Regisseur zahlreicher Fernsehfilme und zweier Kinofilme (Downhill City und Vasha). Bekannt ist er vor allem für seine Tatort-Filme. Der 1972 in Finnland geborene Regisseur interessierte sich schon früh für Filme und gründete mit 16 Jahren einen Verein, um Kurzfilme zu produzieren. Er studierte schließlich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, wo man schnell auf ihn und seine Filme aufmerksam wurde. Auch nach dem Studium blieb Salonen in Deutschland, wo er heute mit seiner Familie am Bodensee lebt. KULTURHUS BERLIN führte ein Interview mit ihm über die WDR-Verfilmung des Andersen-Märchens "Des Kaisers neue Kleider". Hier berichtet Salonen über die Besonderheit des Märchenfilms, über das Filmen und über Märchen, über die Helden seiner Kindheit, den finnischen Wald und darüber, warum er nicht dauerhaft in seinem Heimatland leben kann.

KULTURHUS BERLIN wird "Des Kaisers neue Kleider" im NORDISCHEN FILMKLUB Spezial am Sonntag, den 20. Februar 2011 (15–18 Uhr) im Felleshus der Nordischen Botschaften zeigen. Außerdem können die Besucher an diesem Nachmittag selbst aktiv werden, etwa beim Basteln von Scherenschnitten, einem Quiz oder im Gespräch mit der Schauspielerin Alissa Jung.

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KULTURHUS BERLIN: Man kennt Sie vor allem als Regisseur vieler Tatorte. Nun der Sprung vom Krimi zum Märchen. Wie kam das?

Hannu Salonen: Mich interessieren vor allem fiktive Welten. Ich möchte den Zuschauer in einen imaginären Kosmos (ver)führen, den er im Alltag so nie erleben wird. Was also die Tradition des Geschichtenerzählens betrifft, haben Märchen und Krimis durchaus gemeinsame Schnittstellen, sie gehen da sogar Hand in Hand. Naturalismus wiederum interessiert mich so gut wie gar nicht.

 

KULTURHUS BERLIN: Aus professioneller Sicht - welche wichtigsten Unterschiede gibt es bei der Herangehensweise, der Planung des Filmes und den Dreharbeiten?

Hannu Salonen: Bei der Herangehensweise bzw. der Planung des Films gibt es im Vergleich zu anderen Genres für mich keine Unterschiede. Ich gehe jeden Film und jede Geschichte in der gleichen Art und Weise an. Was will ich erzählen? Was für einen Ton will ich treffen? In welchem Genre bewege ich mich? Wo es erhebliche Unterschiede gibt, ist die Ausführung: die Schlusssequenz von "Des Kaisers neue Kleider" war für mich eine neue Dimension. Es waren über 250 Menschen am Set, von digitalen Trickberatern bis hin zu historisch gekleideten Komparsen und Hallen voller Garderobieren und Maskenbildnerinnen. Ein unbeschreiblich großer Aufwand für 5 Minuten. Beim Dreh selbst hatten wir oft sommerliche Temperaturen bis zu über 30 Grad – und das wohlgemerkt bei historisch bedingt dicken Kostümen und üppigen Perücken. Da wurden schon mal Komparsen in der Hitze ohnmächtig.

 

KULTURHUS BERLIN: Sich mal so richtig verkleiden können, in eine andere Zeit tauchen - macht Märchen zu drehen, den Schauspielern und der Crew besonderen Spaß? (Gab es eine besondere Episode?)

Hannu Salonen: Eine besondere Genugtuung war es, in und um die Schlösser in Charlottenburg und Potsdam zu drehen. Das hat man nicht jeden Tag. Jede Kulisse war einfach zauberhaft und sah sehr, sehr opulent und teuer aus. Das ist etwas, was mit unseren Budgets normalerweise nicht zu realisieren ist.

 

KULTURHUS BERLIN: Welche Märchenfigur hat Sie als Kind fasziniert?

Hannu Salonen: Vielleicht am ehesten der Wolf in "Rotkäppchen" oder die alte Hexe in "Hänsel und Gretel". Das Böse übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Das hat sich seit der Kindheit kaum geändert. Sonst waren es die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgrens gleichnamigem Roman. Dazu muss man wissen, dass ich selbst drei Brüder habe.

 

KULTURHUS BERLIN: Können Sie uns beschreiben, wie finnische Märchen sind, zum Beispiel im Unterschied zu denen Gebrüder Grimms?

Hannu Salonen: Ich habe den Eindruck, dass im Gegensatz zu mitteleuropäischen Märchen, in denen der Wald eine eher unheimlich bis beängstigende Rolle gespielt hat, die finnischen Märchen den Wald eher als Wiege und Ort der Geborgenheit gesehen haben. Dies ist im Übrigen ein interessanter Unterschied zwischen den Naturvölkern und den so genannten zivilisierten Völkern. Die finnischen Märchen belegen, dass dort im Lande so etwas Urwüchsiges teilweise noch vorhanden ist.

 

KULTURHUS BERLIN: Und was mögen Sie an Hans Christian Andersen? Was mögen Sie an der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern?

Hannu Salonen: Obwohl mir vermutlich ein Märchen von Astrid Lindgren, zum Beispiel "Ronja Räubertochter", näher liegen würde, faszinierte mich "Der Kaisers neue Kleider", weil es ein durch und durch politisches Stück ist. Es erzählt etwas von uns, den Menschen, und zwar allgemein und trotzdem in heutiger, hochaktueller Form. Es beschreibt den (leider) fortwährenden menschlichen Zustand, die Tendenz zum Duckmäusertum. Während Andersen den Kaiser stur weiterlaufen ließ, haben wir uns jedoch für eine etwas optimistischere Variante entschieden – für die Läuterung. Auch fehlen bei Andersen die Helden – es sind unsympathische Ganoven, die den ebenso unsympathischen Kaiser reinreiten wollen. In unserem Film kommt viel mehr Heldentum und Optimismus vor – als könne ein einsamer Landstreicher in einem verwahrlosten Reich eines selbstverliebten Alleinherrschers eine sanfte Revolution herbeiführen. Hier hätte Andersen womöglich den Kopf geschüttelt. Ich wiederum sage: ich muss Geschichten erzählen, die größer sind als das Leben. Und da kann einem jungen Luftikus schon so ein Wurf gelingen.

 

KULTURHUS BERLIN: Sie sind in Finnland geboren, nach dem Studium aber in Deutschland hier geblieben. Warum?

Hannu Salonen: Zwar steht mir Finnland von seiner Kultur und Natur aus sehr nahe und trotzdem hatte ich schon als Kind das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Es ist vermutlich das Gefühl, das alle Künstler in irgendeiner Weise vereint. In meinem Falle hat es dazu geführt, dass ich sehr früh wusste, dass ich woandershin muss, um mich zuhause zu fühlen. Und so ist es gekommen. Ich fühle mich extrem wohl in Deutschland, hier habe ich das Gefühl, das ich atmen kann. So sehr Finnland mir am Herzen liegt, so sehr würde mich die mentale Enge, die gewisse Vereinheitlichung stören, wenn ich dort permanent leben würde. In Deutschland findet man leichter seine Nische, da es ein großes und politisch-historisch sehr komplexes Land ist. Ich sehe das als Vorteil – aus einem kleinen, sehr homogenen Land kommend, in dem im Grunde eine Meinung gilt. Abgesehen davon empfinde ich es als großes Geschenk, auf beide Kulturen quasi wie ein Fremder "darauf schauen" zu können und trotzdem in beiden vollkommen zuhause zu sein. Ein bisschen wie unser Jakob aus "Des Kaisers neue Kleider" – auch er ist vielerorts zuhause!

 

Das Interview führten Ulrike Schulz und Marie-Luise Wache, KULTURHUS BERLIN im Februar 2011.

 

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